„Jetzt wollen alle zu Ulrich Siegmund!“ – so reißerisch bewirbt der YouTube-Kanal „Kern Blick“ ein neues Video. Dahinter steckt ein Satz von AfD-Chef Tino Chrupalla bei „Markus Lanz“: Es gebe Anfragen von Leuten mit CDU-Parteibuch. Was er tatsächlich gesagt hat – und was davon belegt ist.
Was das Video ist
Das gut 16-minütige Video wurde am 31. Oktober 2026 auf dem Kanal „Kern Blick“ veröffentlicht. Es kommentiert Ausschnitte aus der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“. Wichtig: Die Sendung ist nicht neu. Laut ZDF lief sie am 7. September 2026, einen Tag nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Zu Gast waren laut ZDF AfD-Chef Tino Chrupalla, BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht, die Funke-Journalistin Melanie Amann und der Politologe und CDU-Mitglied Peter Neumann. Der Kanal räumt in seiner Beschreibung selbst ein, dass Begriffe wie „Zuwachs“ oder „Eilmeldung“ bewusst zugespitzt sein können.
Chrupallas Satz – und die Nachfragen
Laut den Ausschnitten im Video sagte Chrupalla, nach dem Wahlerfolg würden „Personal-Anfragen auf allen Ebenen“ bei der AfD eingehen. Auf die Nachfrage, ob auch aus der CDU, sagte er sinngemäß: Natürlich gebe es Anfragen von Leuten mit CDU-Parteibuch, die sich vorstellen könnten, „in der zweiten, dritten Reihe“ bei der AfD mitzuarbeiten. Ob es auch Abgeordnete der CDU-Landtagsfraktion seien, konnte oder wollte er nicht bestätigen. Er selbst habe „keine Gespräche geführt“, er wisse es „nicht genau“. Das räumt auch der Video-Kommentator ein: Daraus eine Verschiebung der Mehrheiten abzuleiten, sei „verfrüht“.
Außerdem erklärte Chrupalla laut Video, die „Brandmauer“ sei „abgewählt“, die AfD werde keine Tolerierung oder Minderheitsregierung mitmachen und es könne nur einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund geben. Mit dem Ergebnis habe die AfD die „Demokratie wiederbelebt“ und Nichtwähler an die Urne gebracht. Das sind Bewertungen des AfD-Chefs.
Gegenrede in der Sendung
Melanie Amann widersprach laut Video scharf: Die AfD sei keine demokratische Partei, ihr Programm sei in Teilen rechts- und verfassungswidrig, ihr Personal teils in der Neonazi-Szene verankert. Siegmund wolle eigentlich nur Wahlkampf machen, „Bratwürste verteilen“; das ist ihre Meinung. Wagenknecht schloss laut ZDFheute Stimmen des BSW für Siegmund aus und warb für einen „überparteilichen“ Ministerpräsidenten.
Der Faktencheck: Wie ist die Lage heute?
Laut Bundeswahlleiterin kam die AfD am 6. September auf 43,8 Prozent der Zweitstimmen und 39 von 83 Sitzen, die CDU auf 17,2 Prozent und 15 Sitze; die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent. Für die Wahl zum Ministerpräsidenten braucht Siegmund in den ersten beiden Wahlgängen mindestens 42 Stimmen, ihm fehlen also mindestens drei, berichtet der MDR. Die Wahl ist demnach für Mitte Dezember geplant. Die fünf BSW-Abgeordneten wollen sich laut MDR enthalten.
Dass CDU-Abgeordnete überlaufen, ist nicht belegt. Laut MDR schließt die CDU eine Unterstützung Siegmunds aus; die Fraktion beschloss im Oktober, beim ersten Wahlgang geschlossen den Saal zu verlassen. Hintergrund waren Spekulationen über Abweichler: Der AfD-Landtagspräsident Tobias Rausch hatte in geheimer Wahl vier Stimmen mehr erhalten, als AfD und BSW zusammen haben. Woher sie kamen, ist unbekannt, die CDU wies Vermutungen zurück. Ein CDU-Abgeordneter enthielt sich laut MDR bei dem Fraktionsbeschluss und kündigte gegenüber dem Portal „Nius“ an, im Saal zu bleiben, ließ aber offen, wie er abstimmt. Der Landesverfassungsschutz stuft die AfD in Sachsen-Anhalt laut MDR als gesichert rechtsextremistisch ein.
Kommentar
„Jetzt wollen alle zu Siegmund“ – belegt ist laut Chrupallas eigenen Worten vor allem eines: Er weiß es „nicht genau“. Ob Siegmund im Dezember drei Stimmen von außen bekommt, entscheidet sich im Landtag, nicht auf YouTube.
Stand: Montag, 2. November 2026.
Quellen
- Quelle: YouTube, Kanal „Kern Blick“: SIE KOMMEN KAUM NOCH HINTERHER! JETZT WOLLEN ALLE ZU ULRICH SIEGMUND! (31. Oktober 2026; Ausschnitte aus „Markus Lanz“, ZDF)
- ZDF: Markus Lanz vom 7. September 2026
- ZDFheute: Chrupalla bei Lanz
- Tagesspiegel: Wagenknecht und Chrupalla bei „Markus Lanz“
- Bundeswahlleiterin: Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026
- MDR: Ministerpräsidentenwahl Sachsen-Anhalt – Ablauf
- MDR: CDU will vor Siegmund-Wahl geschlossen den Saal verlassen
- MDR: Siegmund will noch 2026 Ministerpräsident werden
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