Nutztier-Halter in der Kritik: Die Spuren führen bis in den Bundestag!

Tierarzt

 

Hintergründe-Auslöser:
Immer wieder werden Filmbeiträge über der Haltung von Tieren in der Landwirtschaft gezeigt, die Diskussionen auslösen. In solchen  Aufnahmen werden Verstöße gegen das Tierschutzgesetz  und damit einhergehende Verstöße gegen Hygieneanforderungen offenbar, die letztlich auch den Menschen gefährden können. Aktuell schlägt ein Beitrag aus Panorama hohe Wellen.

http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2016/Massive-Tierschutzv-Problem-bei-Bauern-Chefs,tierschutz248.html 

Die darin gezeigten Missstände werden von einem Professor der Veterinärmedizin, der auch Mitglied imWissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz“ des BMEL ist und einer Fachtierärztin für Tierschutz und vereidigten Sachverständigten als „in hohem Maße tierschutzwidrig“ bezeichnet. Das besonders Brisante darin ist, dass die Tierhalter der leidenden Tiere Personen mit z. T. hohen Posten in der Landwirtschaft und der Politik sind. (Unten die Liste der Verantwortlichen/Tierhalter)*

 https://magazin.spiegel.de/SP/2016/41/147238306/index.html

Der CDU Bundestagsabgeordnete Johannes Röhring  ist bekannt für markige Sprüche gegen Maßnahmen, die mehr Tierschutz für die Tiere bringen sollen. In einer Bundestagsdebatte zum neuen Tierschutzgesetz 2013 hatte er in seiner Rede 9 mal das Wort Misstrauen gegenüber den berechtigten Einwendungen aus den anderen Fraktionen gebracht. Misstrauen scheint dagegen bei der Beurteilung seiner Tierhaltung mehr als angebracht zu sein. 2012 sind auf dem Hof seines Sohnes ca. 900 Schweine im heißen Sommer gestorben. Die 2015 von ARIWA gedrehten Filmaufnahmen aus seinem Stall offenbaren vielfach leidende Tiere. Die toten Tiere in seinem Stall bestreitet er und behauptet, die Tierfilmer hätten sie dorthin gelegt. Dann wären die Tierfilmer allerdings zu bewundern, denn es gehört schon etwas dazu ein Schwein, das so schwer wie ein Mensch ist und noch dazu übel riecht und beim Tragen Verwesungssekrete verlieren würde, bei einem Einbruch mitzunehmen. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass Beschuldigte solche obskuren Behauptungen aufstellen. Es stellt sich die Frage, ob jemand mit solchen Vorwürfen an Verfehlungen sein Mandat überhaupt noch sachgerecht ausüben kann und sollte. Im Bundestag stehen die drei CDU Abgeordneten u. a. 3 Tierärztinnen und 1 TIerarzt gegenüber. 

4 Tierärzte im Bundestag
Dr. Kirsten Tackmann für die Linke,  Dr. Maria Flachsbarth, Staatssekretärin des Bundeslandwirtschaftsministeriums von der CDU und für die  SPD  Dr. Wilhelm Priesmeier und im Mai 2015 nachgerückt, Dr. Karin Thissen. Frau Dr. Thissen sorgt für eine Thematisierung der Tierschutzprobleme, indem sie Missstände z. B. an Schlachthöfen in den Medien anspricht.

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Fleischkontrolleure-beklagen-Machtlosigkeit-,fleischkontrolleure102.html

Damit durchbricht sie die sonst gern geübte Zurückhaltung der Verbandsorgane und der berufspolitischen Ebene der Tierärzteschaft, die die Tierärztin für solche Offenlegungen kritisiert. Dabei werden weniger die dargelegten Sachverhalte als solche kritisiert, die wagt nämlich kaum jemand ernsthaft zu bestreiten, wenn er in das System Landwirtschaft Einblick genießt. Die tierärztliche Führungsriege kritisiert hingegen die Tatsache, dass die Tierärztin und Bundestagsabgeordnete die Probleme überhaupt so klar benennt! Dabei werden Abhängigkeiten bekannt, die man lieber nicht in der Öffentlichkeit diskutiert wissen will, so z. B. die Abhängigkeit von Landrat, Veterinäramt und ortsansässigen Betrieben. HInzu kommen die Verbandelungen zwischen Verbänden der Landwirtschaft und der Tiermedizin.


Lobbying in der Tiermedizin?

So ist z. B. der erste Vorsitzende der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V. (TVT) noch aus früheren Zeiten eng mit dem Interessenverband der Schweinehalter Deutschlands e. V. (ISN) verbandelt. Im Zuge dessen wurden Tierschützer z. B. abwertend als Gutmenschen bezeichnet. „ das Gutmenschen-Phänomen. Dabei geht es darum, dass relativ willkürlich Menschengruppen, z.B. die geldgierigen Agro-Industriellen, als moralisch schlecht stigmatisiert werden, wodurch man selber im Kontrast zu diesen schlechten Menschen zum guten Menschen wird. Diesen Mechanismus zu verstehen, ist wichtig, um mit der zur Zeit so populären Infragestellung moderner Lebensmittelversorgung adäquat umgehen zu können: Aufklärung als Gegenmaßnahme zum Irrtum und das Predigen einer Gegenreligion gegen die andere Religion allein sind nicht in der Lage, dem Gutmenschenphänomen irgendetwas Wirksames entgegenzustellen (Prof. T. Blaha für den ISN 2004) Im Zuge der Auseinandersetzungen um die Wertigkeit von Tierschutz für Tierärzte kam es während der Entstehung der ersten tierärtzlichen Ethik (2013 – 2015) unter seiner Leitung sogar zur der absurden Formel Tierarzt + Tierschutz = Nazi (Deutsches Tierärzteblatt 9/2015, S.1244-1256, TIERethik1/2016 S. 28/29, S.162/163). Der Übergang zwischen sinnvollem Austausch  und die Grenzen überschreitender Einflussnahme zwischen Tiermedizin und Landwirtschaft verwischt. So kann es kommen, dass Tierärzte sich nicht mehr für die Interessen der Tiere engagieren, sondern für die Interessen der Tierhalter, die einen möglichst großen finanziellen Gewinn aus der TIerhaltung ziehen möchten. Es ist z. B. viel angenehmer 500 Flaschen eines Antibiotikums zu verkaufen, als die adäquate Anzahl ein Kaiserschnitten durchzuführen, um den gleichen Gewinn zu erzielen. Ein grobes Rechenbeispiel: eines der sehr beliebten sog. Reserveantibiotika kostet aktuell 5,00 € im Einkauf pro Flasche. Im Verkauf schlagen ca. 50,00 € zu Buche. Der Gewinn beträgt über 20.000,00 €. Für eine vergleichbare Summe müsste man, ganz grob kalkuliert, ca. 100-200 Kaiserschnitte bei derselben Tierart durchführen. Was ist einfacher? Und, noch wichtiger: wer hat mehr Zeit, sich um die Wahrung seiner Interessen zu kümmern? Gemessen an der Gesamtzahl von ca. 38 000 Tiermedizinern in der BRD sind es nur ganz wenige, die große Profite aus dem System Landwirtschaft schlagen. Aber diese Wenigen machen ihren Einfluss geltend, indem sie Forderungen aus der Tierärzteschaft nach besserer Tierhaltung und einem Systemwechsel in der Landwirtschaft unterdrücken (lassen). Tierschutz wird im Zuge dessen auch schon mal als Partikularinteresse bezeichnet (Landestierärztekammer Hessen und ehemaliger Präsident der Bundestierärztekammer).

Verantwortung der Veterinärämter
Eigentlich steht hinter jedem landwirtschaftlich geführten Betrieb ein zuständiges Veterinäramt, das für die Überwachung der Einhaltung der gesetzlichen Mindeststandards verantwortlich ist. Damit ist es für die korrekte Tierhaltung nach dem Gesetz indirekt verantwortlich. Und damit stehen die Veterinärämter in zweiter Reihe mit am Pranger, wenn Vergehen festgestellt werden.

http://www.mz-web.de/koethen/bei-kontrollen-versagt–landkreis-wehrt-sich-gegen-vorwuerfe-zum-schweinehochhaus-24653108

 Es gibt Veterinärämter mit sehr engagierten Tierärztinnen und Tierärzten (z. B. Berlin) aber auch solche, die sich nicht kümmern. In diesem System kommen tierschutzengagierte Tierärzte vor Verzweiflung über die Umstände auch an ihre Grenzen. Für Aufsehen sorgte z. B. der Freitod der Tierärztin Dr. Anja Rackow (Anhang 1), die keine Deckung durch Vorgesetzte erhielt, wenn sie sich für die Tiere in der Landwirtschaft einsetzte.

Freiheit der Wissenschaft

Wissenschaftliche Untersuchungen über schlechten Umgang mit Tieren in Betrieben, wie z. B. die über die Zustände an bayrischen Schlachthöfen, werden nur selten durchgeführt.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/tierschutz-tierschuetzer-machen-fuehrenden-landwirten-schwere-vorwuerfe-1.3173975

Solche Probleme sind nämlich durchaus bekannt, weil jede Tierärztin und jeder Tierarzt während seiner Ausbildung Praktika in diesen Bereichen absolvieren muss. Nicki Schirm, hessenweit bekannter Fernsehtierarzt, hat in einem seiner Bücher beschrieben, wie schlimm er die Bedingungen in den Geflügelställen empfunden hat, die er während seiner Ausbildung besichtigen musste. Bestimmte Probleme sind seitdem nicht behoben, weil sie systemimmanent sind. Es ist z. B. schwierig, den Bolzenschuss an der richtigen Stelle anzusetzen – nicht richtig betäubte Tiere erleiden immer noch täglich kopfüber hängend einen minutenlangen Todeskampf. Doch nur selten werden wissenschaftliche Untersuchungen zu solchen Problemen durchgeführt, weil einfach keine Gelder zur Verfügung stehen und die Doktoranden solche Untersuchungen z. T. aus eigener Tasche finanzieren müssen. Als führend in der Hirarchie der tiermedizinischen Fakultäten gilt die Tierärztliche Hochschule Hannover TiHo. Nur wenigen ist bekannt, dass es sich dabei nicht mehr um eine freie Universität, sondern um eine sogenannte Stiftungshochschule handelt. Im Stiftungsrat der Universität wird der Vorsitzende vertreten durch Doris Wesjohan, Beteiligte von Wiesenhof…

Weitere interessante Einblicke in das System bietet aktuell das Buch „Das Schweinesystem“ des Tierarztes Matthias Wolfschmidt   http://www.fischerverlage.de/buch/das_schweinesystem/9783100025463