Wolf-Debatte: Der Mensch ist das Untier

Wolf-Debatte

 

Nein, Wölfe sind keine niedlichen Fellknäuel, die allein von üblen Nachrednern zu Unrecht in Misskredit gebracht worden sind. „Seid auf der Hut vor dem Wolf“, warnt die kluge Mutter ihre Kinder selbstverständlich. „Isegrimm“ hat sich seinen Ruf seit alters her mit Biss verdient – als Bedrohung für Weidetiere und Risikofaktor für Waldwanderer. Wölfe sind gefährlich, vor allem, wenn sie rudelweise auftreten. Und das Rudel ist ihre bevorzugte Lebensform. Also doch – der Wolf, der Wolf, zu Hilfe? Immerhin soll eines der schätzungsweise 600 Tiere, die in Deutschland inzwischen wieder heimisch sind, vor wenigen Wochen erst einen Gärtner angegriffen und in den Arm gebissen haben. Ausgerechnet auf einem Friedhof im niedersächsischen Bülstedt, irgendwo zwischen Bremen und Hamburg. „Warum gibt es immer mehr Wölfe in Deutschland?“, fragte eine große Boulevardzeitung danach fassungslos. Gott sei Dank, am Ende war es wohl doch kein Wolf, wie DNA-Proben ergaben – untersuchte Haare wurden Katzen, Hunden und sogar Rehen zugeordnet. Welcher Tierart die angeblich nahebei gesehenen anderen Mitglieder des obskuren Rudels angehörten, blieb ungeklärt. Die Warnung vor dem Wolf war nie auf den Wolf an sich beschränkt. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf (solange man sich nicht kennt), soll vor 2.000 Jahren der römische Dichter Plautus formuliert haben. Der britische Philosoph Thomas Hobbes wandte den Satz auf Staaten und Gesellschaft an. Es wurde ein geflügeltes Wort. Das wahre Untier ist der Mensch, wissen wir. Die Mutter empfiehlt ihrem Rotkäppchen, „hübsch sittsam“ auf dem Weg zu bleiben. Wir können uns den Rat zu Herzen nehmen und als Weg den Mittelweg einschlagen: So albern, wie manche hysterische Reaktion klingt, so naiv wäre eine völlig unkontrollierte Verbreitung des Wolfes im ganzen Land. Vernünftige Vorschläge liegen auf dem Tisch. Dass die Sicherheit der Menschen an oberster Stelle steht, wird auch von entschiedenen Wolfsschützern vertreten. Auffällige (sprich: gefährliche) Wölfe können „entnommen“ werden, sagt selbst der Naturschutzbund Deutschland. Und Nutztierhalter brauchen Unterstützung, um ihre Herden besser schützen zu können. Ein „Bestandsmanagement“ mit regelmäßigen Jagden, wie es Landbesitzer wünschen, muss dafür aber derzeit nicht eingeführt werden. Der Wolf kann eine gute Rolle für das ökologische Gleichgewicht spielen. Aber es entspricht nicht unserem ökologischen Verständnis, Wölfe mit Wackersteinen zu stopfen.

 

Neue Westfälische, Martin Krause